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Franz Michael Felder (1839 - 1869)

Der Bauer, Schriftsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder aus Schoppernau galt zu seinen Lebzeiten als eines der "wunderbarsten Phänomene unserer Zeit", wie die Leipziger Zeitschrift "Europa" 1867 schrieb. Noch um die Jahrhundertwende fand sich in fast jedem Fremdenführer, in dem Schoppernau erwähnt wurde, ein Hinweis auf Felder. Peter Rosegger besuchte schon 1870 sein Grab und berichtete später darüber in seiner Zeitschrift " Heimgarten". Felder wurde am 13. Mai 1839 im Haus Nr. 55 als einziges überlebendes Kind des Bauern und Wagners Jakob Felder und seiner Frau Maria geboren. Er litt von Geburt an einer Starerkrankung, wurde jedoch mit knapp eineinhalb Jahren von einem betrunkenen Arzt statt am erkrankten am gesunden Auge operiert, wodurch dieses auch noch ruiniert wurde. Der frühe Tod des Vaters 1849 verhinderte eine höhere Schulbildung des hochbegabten Felder, der schon als Knabe eine "Schoppernauer Schülerzeitung" verfasste, aber nicht "Bibliothekari" werden durfte, wie er es wünschte, sondern mit der Mutter den kleinen Hof bewirtschaften musste. Seine Lesewut isolierte ihn früh von der Dorfbevölkerung, von der er auch durch den Kauf eines städtischen Anzuges abstechen wollte. 1860 fiel er in die hochwasserführende Bregenzerache und wurde von den vorbeigehenden Bauern im Wasser liegen gelassen, bis ihn nach fast einer Stunde ein Freund rettete. Dieser bekam nur drei Viertel des üblichen Lebensretterlohnes, weil Felder nicht militärdiensttauglich war.

Das schönste Porträt von Felder stammt von seiner späteren Frau Anna Katharina Moosbrugger (1838 ? 1869) aus dem Nachbardorf Au, die während der Verlobungszeit an ihren Bruder schrieb: "er ist von Schoppernau, der einzige Sohn einer alten Mutter, mit Bauernwirtschaft ... Die Natur hat ihm den Gebrauch des einen Auges entzogen, hingegen ihn aber mit großen und schönen Talenten begabt. Hat vieles, vieles durch sich selbst gelernt, mit Beihilfe seiner Bücher, von den ersten deutschen Männern, kennt das Leben, die Welt, die Menschen, wie nicht leicht einer. Er ist ein orginaler, seltener Kopf des Bregenzerwaldes. Und dazu so gut, voll Mitgefühl und gutherzig. Er ist halt, wenn ich ihn ganz nenne, ein Mann, sein Name ist Franz Michael Felder, 14 Monate jünger als ich. Ich habe Muth genug, die Reise durchs Leben mit ihm zu wagen.

"Felder, den zum Beispiel Heinrich Hirzel, der Pfarrer von St. Peter in Zürich, 1868 in einer Artikelserie in der "Neuen Züricher Zeitung" gewürdigt und als "überragenden Geist" bezeichnet hatte, machte eine erstaunliche Karriere als Schriftsteller, Sozialreformer und Politiker.

Im Gefolge der damals berühmten Verfasser von Dorfgeschichten, Jeremias Gotthelf und Berthold Auerbach, aber doch in bewusster Distanzierung von deren Schreibweisen, veröffentlichte er 1863 ein "Lebensbild" aus dem literarisch noch völlig unerschlossenen Bregenzerwald mit dem Titel "Nümmamüllers und das Schwarzokaspale", in dem es um den Wiederaufstieg einer verarmten Müllersfamilie durch Fleiß und Tüchtigkeit geht. Felders Vorbild waren James Fenimore Coopers "Lederstrumpf"- Erzählungen, die ihm Lust gemacht hatten, seine "Wilden" so zu behandeln, wie dieser die nordamerikanischen Indianer und Trapper.

Die beiden folgenden Romane "Sonderlinge" (1867) und "Reich und Arm" (1868) sind breit angelegte und sozial engagierte Schilderungen des klerikal dominierten Dorflebens im Habsburgerösterreich der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Sie erschienen bereits im bekannten und vornehmen Hirzel-Verlag in Leipzig und wurden schon zu Lebzeiten des Verfassers ins Niederländische übersetzt. Felder schildert etwa in den "Sonderlingen", plastische Charaktere: den verstockten Bauern Barthle, der seinen eigenen Sohn Klausmelker durch sein Misstrauen in die Fremde treibt, und seinen Gegenspieler Sepp, den aufgeklärten "Freimaurer", und die Liebesgeschichte zwischen deren Kindern Franz und Mariann, das Ganze in einer dramatischen Handlung, die in einer Lawinenkatastrophe gipfelt, bei der Sepp fast ums Leben kommt. Auch Probleme wie die übermäßige Abholzung der Wälder aus Profitgier und die damit verbundenen Gefahren hat Felder schon früh gesehen.

Literarische Anerkennung wurde ihm vor allem in Norddeutschland durch seinen Entdecker und Förderer, den Leipziger Germanistikprofessor und Herausgeber des Grimm`schen Wörterbuches, Rudolf Hildebrand, zuteil, der ihn zweimal, 1867 und 1868 nach Leipzig einlud, wo Felder Ehrenmitglied des Germanistenclubs wurde. Als schreibender Bauer war Felder damals eine literarische Sensation, was ihn persönlich wurmte, da er als Schriftsteller und nicht wegen seiner Herkunft geschätzt werden wollte. Trotz seines Ruhmes im Ausland war Felder keineswegs "heimatfremd", er sammelte Sagen und Sprichwörter des Bregenzerwaldes und betätigte sich als Sprachwissenschaftler, indem er selbst ein "Bregenzerwälder Idiotikon", ein Dialektwörterbuch, verfasste. Doch auch als Volksbildner und Sozialreformer brachte Felder in seinem kurzen Leben Erstaunliches zuwege. Die Bevölkerung des Bregenzerwaldes lebte damals fast ausschließlich von der Käseherstellung, der Markt wurde von einigen monopolitischen Großhändlern, den sogenannten "Käsgrafen", dominiert, allen voran Gallus Moosbrugger vom Gasthaus "Adler" in Schnepfau, der die Preise diktierte und die Bauern in Abhängigkeit und Verschuldung hielt. Dazu kam der Einfluss der katholischen Kirche, die besonders seit Mitte der 60er Jahre auf einen extrem modernitätsfeindlichen Kurs einschwenkte und die Mächtigen unterstützte.

Seit 1864 hatte sich Felder in der Gemeindepolitik einen Namen gemacht: er setzte eine gerechtere Verteilung der Steuern durch, gründete gemeinsam mit Freunden eine Handwerkerleihbibliothek und eine Viehversicherungsgesellschaft, machte sein Häuschen zu einem Zentrum des Zeitungslesens und der geistigen Auseinandersetzung gegen das kirchliche Meinungsmonopol und schuf sich schließlich durch die Gründung von Sennereigenossenschaften, die Produkte selbst vermarkteten, mächtige Feinde. Die Ideen zu diesen sozialreformerischen Aktivitäten entwickelte Felder vor allem im Austausch mit seinem aufgeklärten und studierten Schwager Kaspar Moosbrugger in Bludenz, einem Juristen aus Au, der ihn mit den Schriften des Sozialisten Ferdinand Lassalle und mit ökonomischer Literatur bekannt machte. Als Felder und Moosbrugger 1867/68 auch noch eine Partei gründeten, die "Vorarlberg`sche Partei der Gleichberechtigung", in der sie als Vorkämpfer der Demokratie das allgemeine und geheime Wahlrecht und die Gründung von Arbeiterassoziation mit staatlicher Unterstützung forderten, nahm die Hetze gegen Felder solche Ausmaße an, dass er im Mai1867 aus Schoppernau fliehen musste, weil er von der Kanzel herunter als Ketzer, Freimaurer und Antichrist verteufelt und von einem Teil der fanatisierten Bevölkerung mit dem Tod bedroht wurde.

Felders trotz aller Anfeindungen glänzende Karriere nahm ein jähes Ende, als seine geliebte Frau Nanni im August 1868 unerwartet starb und ihn mit fünf Kindern zurückließ. Nach ihrem Tod verfasste er sein reifstes Werk, die Autobiographie "Aus meinem Leben", in der er seinen Werdegang bis zu seiner Hochzeit schildert.

Im Spätwinter 1869 erkrankte er selbst schwer an Tuberkulose und starb am 26. April 1869, nicht einmal dreißig Jahre alt. Nach seinem Tod lieferten sich Klerikale und Liberale noch jahrzehntelang erbitterte Kämpfe um sein Andenken: so war z.B. die Aufstellung des Felder-Denkmals auf dem Friedhof 1875 heiss umstritten. Felders Werke wurden 1910 - 1913 vom ersten liberalen Felder-Verein in einer vierbändigen Ausgabe bei Hesse und Beckker in Leipzig herausgegeben. Der zweite, 1969 gründete Felder-Verein hat inzwischen eine umfangreiche Gesamtausgabe vollendet, die in zwölf Bänden sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, satirischen und polemischen Schriften sowie die umfangreichen Briefwechsel, vor allem mit Kaspar Moosbrugger und mit Rudolf Hildebrand, umfasst.

Im Residenz-Verlag Salzburg erschien 1985 "Aus meinem Leben" mit einem Vorwort von Peter Handke neu, 1994 ein Briefband "Ich will der Wahrheitsgeiger sein - Ein Leben in Briefen", der die Autobiographie bis zu Felders Tod fortsetzt.

Schoppernau hat in ihm einen wahrhaft großen Sohn, nicht nur einen bedeutenden Schriftsteller, sondern auch einen weitblickenden Sozialreformer und Politiker, der seiner Zeit weit voraus war.

 

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